Der „dankbare“ Tierschutzhund

Wenn Menschen einen Hund „retten“ bzw. aus dem Tierschutz übernehmen, dann haben sie viele Erwartungen an das neue vierbeinige Familienmitglied. Ganz oben auf der Liste steht, dass der Hund nun dankbar sein wird, weil man ihm ein besseres Leben ermöglicht hat. Tatsächlich entscheiden sich viele Hundehalter genau deshalb für einen Second-Hand-Hund! Kommt es dann zu Schwierigkeiten, höre ich Sätze wie „Aber warum tut er das? Ist er nicht dankbar, dass wir ihn gerettet haben?“

Zwischenbemerkung

In diesem Text gehe ich ausschließlich von Hunden aus, die sich auch tatsächlich für die Vermittlung eignen! Ich schreibe nicht von Angst- oder Panikhunden, menschenscheuen Straßenhunden, aggressiven Hunden etc. die wider besseres Wissen vermittelt werden.

Ich schreibe hier nur von Vierbeinern, die offensichtlich alle Anforderungen, die das Zusammenleben mit dem Menschen mit sich bringt, auch erfüllen! Denn die anderen genannten Hunde werden mit Sicherheit keine Dankbarkeit empfinden, wenn sie auf einen Platz vermittelt werden, der sie in einen permanenten Angstzustand versetzt!

Ist der Tierschutzhund nun dankbar?

Ich denke schon, dass viele Hunde – ausgewählt nach ihrer Eignung, und dann nach entsprechender Vorbereitung und nach einer Eingewöhnungsphase – froh sind, in einem sicheren Zuhause zu leben. Viele Hunde schätzen den Komfort des Zusammenlebens mit dem Menschen: regelmäßige Fütterung, manchmal auch leckere Häppchen zwischendurch, weiche Bettchen und Decken, Schutz vor dem Regen, Behandlung von Krankheiten und Bekämpfung von Schmerzen und vieles Mehr. Die Vierbeiner können diesen Komfort vor Allem dann genießen, wenn ihre Bedürfnisse dabei nicht außer Acht gelassen werden.

Aber heißt das nun, dass der Hund aus lauter Dankbarkeit von nun an alles tut was man sagt? Nein, definitiv nicht!

Die Sache mit der Dankbarkeit

Dankbarkeit hat nichts mit Folgsamkeit zu tun. Ich bin meinen Eltern auch sehr dankbar dafür, dass ich eine schöne, entspannte Kindheit erleben durfte. Habe ich deshalb immer alles getan, was sie mir aufgetragen haben? Nein, natürlich nicht! Manchmal habe ich aus lauter „Dankbarkeit“ sogar ganz was anderes getan, als gewünscht war 🙂

Dankbarkeit hat nichts mit Erziehung zu tun. Nur weil der Hund vielleicht froh ist, ein angenehmes Zuhause zu haben, ist er deshalb keine willenlose Maschine, die sofort freudig jeden Befehl annimmt, den man ihr sagt. Denn der Hund weiß ja gar nicht, welche Signale des Menschen was bedeuten – das muss erst trainiert werden. Und selbst wenn es soweit trainiert wurde, dass der Vierbeiner weiß, was von ihm erwartet wird, heißt das noch lange nicht, dass er es auch immer umsetzt – aus welchen Gründen auch immer!

Dankbarkeit hat nichts mit Regeln zu tun.
Hunde, die neu in eine Familie kommen, wissen nicht welche Regeln in diesem Haushalt gelten. Auch das müssen sie erst lernen. Ich kann nicht erwarten, dass der Vierbeiner vom ersten Tag weiß, was erwünscht ist und was nicht. Auch Regeln müssen erst liebevoll, aber konsequent trainiert werden!

Fazit

Was kann ich mir also erwarten, wenn ich einen Tierschutzhund zu mir hole? Klarerweise einen genauso wunderbaren Begleiter, wie wenn man einen Hund vom Züchter holt 🙂 je nach Alter vielleicht mit mehr (positiven und negativen) Erfahrungen, als ein wohlbehüteter Züchterwelpe mitbringt. Aber jedenfalls werde ich nicht die perfekt ausgebildete, willenlose Maschine erhalten, die jegliche Signale schon vorab erahnt und nichts lieber tut als dem Menschen zu gefallen – und das alles ohne Training, sondern allein aus Dankbarkeit!

Noch ein kleiner Denkanstoß zum Schluss: für mich ist eigentlich der schönste Moment, wenn mich Kunden mit Tierschutzhunden anrufen und sagen, dass der Hund heute das erste Mal „richtig schlimm“ war 🙂 Denn das zeigt, dass der Vierbeiner richtig angekommen ist und sich auch endlich traut Sachen auszuprobieren. Ist er deshalb undankbar? Nein, auf keinen Fall.